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10 Dinge, die professionelle Radfahrer auf dem Rad können

Was können Profis auf dem Rad, das uns den Mund offen stehen lässt? 10 Fähigkeiten, die zeigen, warum Radsport die faszinierendste Ausdauersportart der Welt ist.

Von Vincent Augustin 5 Minuten Lesedauer

10 Dinge, die professionelle Radfahrer auf dem Rad können
Über den Autor Vincent Augustin

Vincent ist Mitgründer von MYVELO und erfahrener Radsportler. Durch seine aktive Zeit im leistungsorientierten Rennradsport - inklusive Starts in der Rennrad-Bundesliga - bringt er fundierte Praxiserfahrung in die Entwicklung und Bewertung von Fahrrädern und E-Bikes ein. Vincent legt besonderen Fokus auf Qualität, Sicherheit und Langlebigkeit von Komponenten sowie auf die Frage, was ein Fahrrad im echten Einsatz leisten muss. Seine Artikel verbinden persönliche Erfahrung, technisches Verständnis und den Anspruch, verlässliche Orientierung für Kaufentscheidungen zu bieten. Jetzt mehr zu MYVELO erfahren

Veröffentlicht: 3. Juli 2026

Es gibt Momente bei der Tour de France oder dem Giro d'Italia, in denen Du den Livestream anhältst und nochmal zurückspulst. Nicht wegen eines Sturzes oder eines Angriffs — sondern weil Du Deinen Augen nicht traust. Weil ein Fahrer gerade mit 55 km/h in einer Abfahrt ein Riegelpapier aufgerissen hat. Mit einer Hand. Ohne zu zucken.

Profiradsport ist eine Welt für sich. Was von außen wie pures Leiden auf zwei Rädern aussieht, ist in Wirklichkeit eine Kombination aus Athletik, Technik, Taktik und einer Menge Fähigkeiten, die man erst dann wirklich versteht, wenn man sie sieht. Hier sind zehn davon.


1. Essen und Trinken mit 50 km/h — ohne Lenkerkontakt zu verlieren

Die Hand greift in die Trikottasche. Die andere Hand hält das Rad. Vor Dir das Peloton mit 180 Mann. Hinter Dir der Teamwagen. Du reißt den Riegel auf — mit den Zähnen, versteht sich — und isst.

Klingt selbstverständlich. Ist es nicht. Im Windschatten wirbelt die Luft, jedes Schlagloch überträgt sich direkt in Deine Lenkerbewegung, und der Abstand zum Vordermann beträgt vielleicht 30 Zentimeter. Profis essen auf dem Rad, weil sie müssen: Bei einer Etappe verbrennen sie 4.000 bis 7.000 Kalorien. Wer nicht rechtzeitig isst, riskiert den gefürchteten "Hungerast" — den totalen Einbruch. Also wird gegessen. Immer. Auch wenn der Körper gerade bei 400 Watt arbeitet.


2. Den Bidon vom Teamwagen nehmen — bei 35 km/h bergauf

Die Szene ist Radsport-Poesie: Der Fahrer fällt leicht zurück, der Teamwagen schiebt sich heran, das Fenster öffnet sich, und aus dem Wagen streckt sich ein Arm mit einer Trinkflasche. Der Fahrer nimmt sie — eine Hand, Rücken leicht nach hinten geneigt, Blick geradeaus — und ist sofort wieder im Rhythmus.

Was dabei passiert: Du fährst mit einer Hand, verlierst kurz den Lenkergriff, nimmst gleichzeitig ein 500-Gramm-Gewicht entgegen, sorgst dafür, dass Du nicht ins Auto gezogen wirst, und schaust dabei weiter auf die Straße. Kein Stocken, kein Taumeln. Routiniert wie ein Handschlag.


3. Im Peloton schlafen — die Mikroschlaf-Kunst

Mehretappenrennen wie die Tour de France dauern drei Wochen. Fahrer schlafen im Schnitt fünf bis sechs Stunden pro Nacht. Wer zwischen den Etappen keine Minute Erholung verpasst, weiß: Auch auf dem Rad wird Energie gespart, wo es geht.

Erfahrene Profis beschreiben Zustände, in denen sie im flachen Peloton für Sekunden einnicken — und trotzdem Kurs halten. Das Körperbewusstsein übernimmt, die Balance bleibt, das Rad folgt den anderen. Es ist keine Erschöpfung, es ist Anpassung. Schlaf, wo immer er kommt.


4. Stürzen — und es überleben

Stürze gehören zum Profiradsport wie der Wind aus dem Südwesten zum Alpe-d'Huez-Anstieg. Sie kommen, und die Frage ist nicht ob, sondern wie. Was Profis dabei unterscheidet: Sie wissen, wie man fällt.

Wenn es zu einem Sturz kommt, rollen viele Fahrer ab, strecken keine Arme aus (das bricht Schlüsselbeine), und versuchen, seitlich über die Schulter zu gleiten statt frontal aufzuschlagen. Im Laufe einer Karriere ist das kein theoretisches Wissen mehr — es ist Muskelgedächtnis. Wer einmal gesehen hat, wie ein Profi nach einem 70-km/h-Sturz im Kies aufsteht, sich abklopft und weiterfährt, hat verstanden: Das ist kein Glück. Das ist Können.


5. Taktik kommunizieren — bei Vollgas und vollem Gegenwind

"Du gehst in drei Minuten. Ich halte das Tempo. Dann kommst Du." Solche Absprachen finden statt, während das Peloton mit 45 km/h durch eine Seitenwindzone fährt. Kein Headset, kein Timeout, kein Flipchart. Der Wind reißt jeden zweiten Satz weg.

Profis entwickeln eine eigene Kommunikationssprache: Handzeichen, Kopfbewegungen, kurze Blicke. Der Kapitän eines Teams muss in Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen und sie vermitteln — unter maximaler körperlicher Belastung, mit einem Pulsschlag, der die Sprachverständlichkeit nicht gerade verbessert.


6. Im Windschatten Watt sparen — instinktiv

Wer 10 bis 15 Zentimeter hinter dem Vordermann fährt, spart bis zu 30 Prozent Energie. Das weiß jeder, der mal Radsport gemacht hat. Was Profis dabei anders machen: Sie halten diese Position stundenlang, passen sie instinktiv an Richtungswechsel, Geschwindigkeitsschwankungen und Windrichtung an — und rechnen dabei gleichzeitig die Kräfteverhältnisse im Feld durch.

Wie viel Energie hat der Ausreißer noch? Wann bricht er ein? Wann ist der beste Moment für einen eigenen Angriff? Das Windschattenfahren ist nicht passiv. Es ist strategisches Warten — mit Präzision auf den Millimeter.


7. Pinkeln — während der Fahrt

Es gibt Dinge im Profiradsport, über die selten gesprochen wird. Das hier ist eines davon: Bei langen Etappen bleibt keine Zeit für Pausen. Das Feld wartet nicht, der Körper schon. Also haben Profis über Jahrzehnte eine elegante Lösung entwickelt — das sogenannte "Einchecken".

Der Fahrer fährt an den Rand, ein Teamkollege schiebt ihn kurz an, der Rest erledigt sich in der Bewegung. Kein Halt, kein Rückstand, keine verlorene Zeit. Es gehört zum Profitum dazu — und ist eine der absurderen Lektionen, die der Radsport bereithält.


8. Mit Pokerface leiden

Wenn Jonas Vingegaard am Mont Ventoux beschleunigt, sieht sein Gesicht aus wie das eines Mannes, der in Gedanken seine Einkaufsliste durchgeht. Ruhig, kontrolliert, fast gelangweilt. Sein Körper produziert dabei Laktatwerte von 6 bis 8 mmol/l — ein Bereich, in dem die meisten Hobbysportler schlicht aufhören könnten.

Das Pokerface ist keine Maske. Es ist das Ergebnis jahrelanger Anpassung. Der Körper lernt, Schmerz als Signal zu verarbeiten, nicht als Stopp-Impuls. Und gleichzeitig sendet das Pokerface eine Botschaft an die Konkurrenz: Ich habe noch Reserven. Oft ist das die einzige Waffe, die noch bleibt.


9. Einen Reifenwechsel in unter 30 Sekunden überstehen

Wenn ein Profi einen Platten hat, geschieht Folgendes: Der Fahrer hebt kurz die Hand, der Teamwagen ist in Sekunden da, der Mechaniker springt heraus, klemmt das Rad aus, schiebt ein neues Laufrad ein, klopft einmal auf den Sattel — fertig. Unter 20 Sekunden bei eingespielten Teams, manchmal weniger.

Der Fahrer selbst sagt in dieser Zeit kein Wort. Er hält das Rad, atmet, schaut voraus, und gibt Gas, sobald der Mechaniker den Daumen hebt. Was danach kommt: die Aufholjagd. Manchmal mehrere Minuten Rückstand, manchmal noch mehr. Und trotzdem: weiter.


10. Drei Wochen am Stück — und beim letzten Anstieg nochmal alles geben

Das vielleicht Unfassbarste ist das, was sich über drei Wochen aufbaut. Die Tour de France ist 21 Etappen, über 3.000 Kilometer, rund 50.000 Höhenmeter. Wer auf dem Podium steht, hat in dieser Zeit mehr Kalorien verbrannt als in einem normalen Monat — und ist am letzten Tag noch schneller als am ersten.

Das ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis von Trainingsjahren, präziser Ernährungsplanung, Schlafoptimierung und einer mentalen Stärke, die sich nicht im Labor messen lässt. Wenn Tadej Pogačar auf der letzten Alpenetappe noch einmal angreift, während andere nur noch überleben — dann ist das der Moment, in dem Radsport aufhört, Sport zu sein, und etwas anderes wird.


Was bleibt

Profiradsport ist kein Spektakel von oben herab. Es ist eine Einladung, genauer hinzuschauen — auf das Handwerk, das hinter jedem Kilometer steckt. Auf die kleinen Dinge, die im Fernsehen unsichtbar bleiben: die Kommunikation im Wind, das Essen in der Abfahrt, der Moment vor dem Angriff.

Und vielleicht ist das das Schönste am Radsport: Je mehr Du weißt, desto tiefer geht die Begeisterung. Nicht weniger.

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