Der Stelvio verlangt Dir etwas anderes ab als die Alpe d'Huez mit ihrer knappen Dreiviertelstunde Vollgas. Hier bist Du je nach Form zwei bis vier Stunden im Anstieg – und die letzten Kilometer fährst Du in einer Höhe, in der Dein Körper messbar weniger leisten kann.
Die Fakten
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| Passhöhe |
2.757 m |
| Rang |
Höchster asphaltierter Pass Italiens, zweithöchster der Alpen |
| Rampen |
3 (Prad/Prato, Bormio, Umbrail) |
| Kehren Nordrampe |
48, durchnummeriert von oben nach unten |
| Erste Giro-Überquerung |
1. Juni 1953 |
| Straßenbau |
1820–1826 unter Carlo Donegani |
| Wintersperre |
ca. November bis Mai |
Die drei Rampen im Vergleich
Zum Joch führen drei Straßen aus drei Tälern – und aus drei Ländern, wenn man den Umbrail mitzählt. Sie fahren sich völlig unterschiedlich.
| Rampe |
Länge |
Höhenmeter |
Ø Steigung |
Max. |
Kehren |
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Prad / Prato (Südtirol, Vinschgau) |
24,3 km |
1.808 Hm |
7,4 % |
ca. 11 % |
48 |
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Bormio (Lombardei, Veltlin) |
21,5 km |
1.533 Hm |
7,1 % |
ca. 12 % |
40 |
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Umbrail (Schweiz, Val Müstair) |
13,4 km |
ca. 1.000 Hm |
8 % |
ca. 13 % |
36 |
Quelle der Streckendaten: Ride Up – Passo dello Stelvio, three sides compared.
Prad ist die Rampe, die alle im Kopf haben. Ihr eigentliches Merkmal ist nicht die Steilheit, sondern die Gleichmäßigkeit: Die 48 Kehren verteilen die Höhenmeter so regelmäßig, dass die Steigung kaum unter 7 % fällt und selten über 11 % geht. Das klingt angenehm – bedeutet in der Praxis aber, dass es über 24 Kilometer keine einzige Erholungspassage gibt. Wer gleichmäßig treten kann, liebt diese Seite. Wer Rhythmuswechsel braucht, findet hier keine.
Bormio ist kürzer und im Schnitt minimal flacher, dafür technisch der anspruchsvollste Weg: lange Galerien, unbeleuchtete Tunnel und ein enges Felsental, in dem es auch im Hochsommer feucht und kalt sein kann. Nimm ein Rücklicht mit – das ist hier keine Empfehlung, sondern Vernunft. Die Aussicht auf das Ortler-Massiv entschädigt.
Umbrail ist die kürzeste und im Schnitt steilste Variante, kommt aus dem Schweizer Val Müstair und trifft wenige Kilometer unterhalb der Passhöhe auf die Bormio-Straße. Sie ist mit Abstand die ruhigste – und die naheliegende Wahl, wenn Du eine Rundtour über drei Länder bauen willst.
Die klassische Königsrunde: Prad hinauf, nach Bormio hinunter, über den Umbrail zurück – oder umgekehrt.
Coppi, 1953: Warum der Stelvio ein Mythos ist
Der Stelvio tauchte erst spät im Radsport auf – und dann gleich mit einem der berühmtesten Tage der Giro-Geschichte.
Am 1. Juni 1953 stand der Pass zum ersten Mal im Programm des Giro d'Italia, auf der vorletzten Etappe. Das Rosa Trikot trug der Schweizer Hugo Koblet, und Fausto Coppi hatte es am Vortag vergeblich versucht. Die beiden trafen eine Absprache: Coppi würde nicht attackieren, Koblet ihm im Gegenzug den Etappensieg überlassen. Am Stelvio attackierte Coppi trotzdem – und fuhr allein über den Pass, 2:48 Minuten vor Bartali und über vier Minuten vor Koblet, der in der Abfahrt zweimal stürzte. Coppi gewann Etappe und Gesamtwertung, seinen fünften und letzten Giro.
Seither ist der Stelvio regelmäßig die Cima Coppi – die höchste Bergwertung des jeweiligen Giro-Jahrgangs. Oben am Pass erinnert ein Denkmal an ihn.
Die Straße selbst ist älter als der Radsport: Sie entstand zwischen 1820 und 1826 unter der Leitung des Ingenieurs Carlo Donegani im Auftrag des österreichischen Kaiserreichs, das eine ganzjährig befahrbare Verbindung zwischen der Lombardei und Tirol brauchte. Dass die Trassierung damals nach Fuhrwerks-Maßstäben angelegt wurde, ist genau der Grund für die gleichmäßige Steigung – ein Nebeneffekt, von dem heute jeder Rennradfahrer profitiert.
Die Höhe: der Faktor, den fast alle unterschätzen
Am Mont Ventoux ist die Hitze der Gegner, an der Alpe d'Huez das Pacing. Am Stelvio ist es die Höhe – und die wirkt, ob Du sie spürst oder nicht.
Die Studie von Wehrlin und Hallén an Ausdauersportlern zeigt einen linearen Zusammenhang: Die maximale Sauerstoffaufnahme sinkt bei trainierten Athleten ab etwa 800 Metern um rund 6,3 % pro 1.000 Höhenmeter. Auf der Passhöhe von 2.757 Metern bedeutet das grob 10 bis 12 % weniger VO2max als auf Meereshöhe – und zwar sofort, ohne Akklimatisierung.
Praktisch heißt das: Die Wattzahl, die Du im Flachland eine Stunde lang halten kannst, hältst Du auf den letzten Kehren nicht. Das ist kein Formproblem und kein Tagesform-Pech, sondern Physiologie. Wer das nicht einkalkuliert, fährt die ersten 15 Kilometer nach Gefühl zu hart und bricht oben ein.
Die Konsequenz ist einfach: Fahre die untere Hälfte bewusst zu langsam. Wenn sich Kehre 24 noch komfortabel anfühlt, hast Du es richtig gemacht. Wer tiefer in die Wirkung von Höhe einsteigen will, findet in unserem Artikel Ab wie viel Höhenmetern beginnt Höhentraining? die Einordnung – und in Grenzen verschieben auf dem Rennrad das Zusammenspiel von Hitze, Höhe und Trittfrequenz.
Übersetzung und Ausrüstung
Der Stelvio ist nicht extrem steil – er ist extrem lang. Genau deshalb ist die Übersetzung entscheidend: Du brauchst keinen Gang für 15 %, sondern einen, in dem Du zwei bis drei Stunden am Stück sauber treten kannst.
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Übersetzung: Kompaktkurbel 50/34 mit einer Kassette bis 32 oder 34 Zähnen ist der sinnvolle Standard. Wer unter 3 Watt pro Kilogramm an der Schwelle liegt, sollte 34 oder 36 Zähne wählen. Wie Du diese Kennzahl einordnest, erklären wir unter Watt pro Kilo.
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Kleidung: Der Temperaturunterschied zwischen Tal und Passhöhe beträgt oft 15 bis 20 °C. Windjacke, Armlinge und leichte Handschuhe gehören in die Rückentasche – nicht als Option, sondern als Pflichtausrüstung für die Abfahrt.
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Licht: Für die Bormio-Rampe wegen der unbeleuchteten Galerien.
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Verpflegung: Auf der Prad-Rampe gibt es unterwegs Einkehrmöglichkeiten (u. a. in Trafoi und an mehreren Kehren), auf dem Umbrail praktisch nichts. Zwei Flaschen sind Minimum.
Ein Rennrad für diese Art von Anstieg braucht die Balance aus Leichtigkeit, Steifigkeit und Abfahrtssicherheit – das MYVELO Tourmalet Rennrad ist genau dafür ausgelegt. Und weil uns dieser Pass nicht mehr loslässt, trägt auch eines unserer E-MTB-Fullys seinen Namen: das MYVELO Stelvio E-MTB Fully.
Wann Du fahren kannst
Die Passstraße ist im Winter gesperrt – üblicherweise von November bis Mai, abhängig von der Schneelage. Die Öffnung wird jedes Jahr neu entschieden; verlasse Dich nie auf das Vorjahresdatum.
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Juni: Frisch geöffnet, oft noch meterhohe Schneewände am Pass. Spektakulär, aber kalt.
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Juli/August: Beste Bedingungen, dafür viel Verkehr – insbesondere Motorräder. Früh starten lohnt doppelt.
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September/Oktober: Ruhiger, klare Sicht, aber am Pass kann es bereits deutlich unter 10 °C haben.
Ein Termin, den man sich merken sollte, ist der Stelvio Bike Day: An diesem Tag ist die Straße für Kraftfahrzeuge gesperrt und gehört allein den Radfahrern. Er findet meist im Spätsommer statt – das genaue Datum wird jährlich festgelegt und sollte vorab geprüft werden.
Die Abfahrt
Die Abfahrt ist am Stelvio kein Nebenschauplatz. 48 Kehren bergab bei 60 bis 70 km/h auf den Geraden dazwischen bedeuten Dauerbelastung für Bremsen, Hände und Konzentration – und der Belag ist in den Kehreninnenseiten oft rau und wellig.
Drei Dinge zählen: früh und dosiert bremsen statt in der Kurve, die Geschwindigkeit vor dem Kehreneingang abbauen, und alle paar Kehren die Hände lockern. Wie Du enge Kurven sauber fährst, haben wir in Bergab fahren mit Kurven im Detail beschrieben.
Die Belohnung: Adrenalin und Aussicht
Oben angekommen, blickst Du auf das Ortler-Massiv – und zurück auf die Serpentinen, die aus dieser Perspektive kaum real wirken. Der Stelvio ist einer der wenigen Anstiege, bei denen das Bild von oben genau das hält, was die Fotos versprechen.
Zeiten: Was ist realistisch?
| Fahrertyp |
Prad-Rampe (24,3 km) |
| Sehr gut trainierte Amateure |
1:25 – 1:45 h |
| Ambitionierte Hobbyfahrer |
1:45 – 2:30 h |
| Solide Grundlagenausdauer |
2:30 – 3:30 h |
Rechne großzügig – und plane die Abfahrt und mögliche Fotostopps mit ein. Am Stelvio geht es nicht um die Uhr. Es geht darum, oben anzukommen und dabei noch genug Kraft für eine konzentrierte Abfahrt zu haben.
Fazit: Ein Muss für jeden Rennradfahrer
Der Passo dello Stelvio ist kein Test für Deine Maximalleistung, sondern für Deine Geduld. Er belohnt gleichmäßiges Treten, kleine Gänge und die Bereitschaft, unten langsamer zu fahren, als die Beine erlauben würden. Wer das akzeptiert, erlebt einen der schönsten Anstiege Europas – wer es ignoriert, lernt es auf den letzten zehn Kehren.
Die Kombination aus Höhe, Geschichte und dieser einen unverwechselbaren Silhouette macht jede Fahrt hier unvergesslich – ein Anstieg, der auch mental etwas mit Dir macht.
Planst Du Deine Tour auf den Stelvio? Welche Rampe reizt Dich am meisten? Teile Deine Erfahrungen und Tipps in den Kommentaren!