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Per Update Drehmoment erhöhen - wie weit lässt sich ein E-Bike-Motor per Software ausreizen?

Mehr Drehmoment per App-Update: Was vor wenigen Jahren noch wie Zukunftsmusik klang, ist bei modernen E-Bikes Realität geworden. Für E-Bikes mit dem Bosch BDU38-Antriebssystem lässt sich das maximale Drehmoment inzwischen per Software auf bis zu 120 Nm konfigurieren. Das Update wird „Over the Air“ (OTA) über die Smartphone-App aufgespielt - ohne Werkstattbesuch, ohne neue Hardware.

Von Vincent Augustin 3 Minuten Lesedauer

Per Update Drehmoment erhöhen
Über den Autor Vincent Augustin

Vincent ist Mitgründer von MYVELO und erfahrener Radsportler. Durch seine aktive Zeit im leistungsorientierten Rennradsport - inklusive Starts in der Rennrad-Bundesliga - bringt er fundierte Praxiserfahrung in die Entwicklung und Bewertung von Fahrrädern und E-Bikes ein. Vincent legt besonderen Fokus auf Qualität, Sicherheit und Langlebigkeit von Komponenten sowie auf die Frage, was ein Fahrrad im echten Einsatz leisten muss. Seine Artikel verbinden persönliche Erfahrung, technisches Verständnis und den Anspruch, verlässliche Orientierung für Kaufentscheidungen zu bieten. Jetzt mehr zu MYVELO erfahren

Veröffentlicht: 18. Mai 2026  |  Aktualisiert: 19. Mai 2026

Wie ist das technisch überhaupt möglich? Warum kann ein Motor plötzlich stärker werden, obwohl mechanisch nichts verändert wurde? Und welche Folgen hat mehr Drehmoment für Kette, Ritzel und den gesamten Antriebsstrang?

Warum ein OTA-Update beim E-Bike überhaupt möglich ist

Moderne E-Bike-Antriebe sind längst keine rein mechanischen Systeme mehr. Sie bestehen aus:

  • Elektromotor

  • Leistungselektronik

  • Sensorik

  • Firmware

  • Kommunikationsmodulen

  • Akku-Management-System (BMS)

Der eigentliche Charakter des Motors wird heute zu großen Teilen durch Software definiert. Die Hardware besitzt oft Leistungsreserven, die der Hersteller bewusst konservativ freigibt.

Ein OTA-Update funktioniert dabei ähnlich wie bei Smartphones oder Elektroautos:

  1. Die neue Firmware wird über die App heruntergeladen

  2. Das Smartphone verbindet sich via Bluetooth mit dem Bike

  3. Die Motorsteuerung erhält neue Parameter

  4. Drehmoment-, Unterstützungs- oder Fahrmodi werden angepasst

Der physische Motor bleibt identisch – verändert wird lediglich die Regelstrategie der Elektronik.

Warum Hersteller Motoren oft künstlich begrenzen

Ein E-Bike-Motor wird nicht immer am absoluten physikalischen Limit betrieben. Dafür gibt es mehrere Gründe:

1. Haltbarkeit

Höhere Last bedeutet:

  • mehr Hitze

  • höhere Kräfte auf Lager

  • stärkere Belastung der Zahnräder

  • höhere Belastung des Freilaufs

Hersteller kalkulieren bewusst Sicherheitsreserven ein.

2. Geräuschentwicklung

Ein aggressiver abgestimmter Motor kann:

  • lauter werden

  • stärker vibrieren

  • rauer wirken

Viele Systeme werden deshalb zugunsten von Komfort und Laufruhe gedrosselt.

3. Akkuschonung

Mehr Drehmoment bedeutet meist:

4. Modellpolitik

Software ermöglicht es Herstellern, verschiedene Leistungsstufen auf derselben Hardwarebasis anzubieten.

Ein Motor kann technisch vielleicht 120 Nm leisten, wird aber je nach Modell nur mit 85 oder 100 Nm ausgeliefert.

Wie ein E-Bike-Motor dimensioniert ist

Ein Elektromotor besteht vereinfacht aus:

  • Rotor

  • Stator

  • Wicklungen

  • Magneten

  • Leistungselektronik

Entscheidend für das Drehmoment ist unter anderem:

  • Stromstärke

  • Magnetfeld

  • Wicklungsdesign

  • Kühlung

  • Übersetzung im Getriebe

Grundsätzlich gilt: M = F x r

Das Drehmoment entsteht also aus Kraft und Hebelarm.

Bei einem E-Bike-Motor wird die Kraft elektromagnetisch erzeugt. Mehr Stromfluss bedeutet meist mehr Drehmoment - allerdings nur bis zu bestimmten Grenzen.

Die physikalischen Grenzen eines E-Bike-Motors

Auch wenn Software viel verändern kann: Die Physik bleibt unverhandelbar.

Wärmeentwicklung

Der größte limitierende Faktor ist meist die Temperatur.

Mehr Leistung erzeugt mehr Verlustwärme:

P_Verlust=  I^2 x R

Das bedeutet:

  • doppelte Stromstärke erzeugt vierfache Wärmeverluste

  • Wicklungen können überhitzen

  • Magnete verlieren bei Hitze an Effizienz

  • Elektronik altert schneller

Deshalb besitzen moderne Motoren Temperatursensoren und Schutzalgorithmen.

Materialbelastung

Mehr Drehmoment bedeutet höhere Kräfte auf:

  • Zahnräder

  • Lager

  • Achsen

  • Freiläufe

Besonders kompakte Mittelmotoren arbeiten bereits mit enormen Lasten auf kleinem Raum.

Akku-Limitierungen

Auch der Akku setzt Grenzen:

  • maximale Stromabgabe

  • Zellchemie

  • Innenwiderstand

  • Temperatur

Ein Motor kann nur so viel Leistung abrufen, wie Akku und Elektronik liefern können.

Warum 120 Nm beeindruckend sind

Zum Vergleich:

  • klassische Trekking-E-Bikes: 50–75 Nm

  • starke EMTB-Systeme: 85–95 Nm

  • 120 Nm bewegt sich bereits im Bereich kleiner Motorräder

Das enorme Drehmoment zeigt sich vor allem:

  • an steilen Anstiegen

  • bei niedriger Trittfrequenz

  • beim Beschleunigen

  • mit schwerem Gepäck

  • im technischen Gelände

Gerade Cargo-Bikes und E-MTBs profitieren davon deutlich.

Die Schattenseite: Mehr Verschleiß

Mehr Drehmoment bedeutet fast immer mehr Belastung für den Antriebsstrang.

Die Kette leidet zuerst

Die Fahrradkette gehört zu den am stärksten belasteten Komponenten.

Hohe Motorleistung führt zu:

  • stärkerem Kettenzug

  • höherem Materialstress

  • schnellerem Längungsverschleiß

  • erhöhtem Risiko für Kettenrisse

Vor allem bei falschem Schalten unter Last steigt die Belastung massiv.

Ritzel und Kassette verschleißen schneller

Auch Ritzel werden stärker beansprucht:

  • höhere Flächenpressung

  • schnellerer Zahnverschleiß

  • Materialermüdung

Besonders kleine Ritzel leiden unter hohen Drehmomenten.

Schaltung und Schaltwerk

Mehr Motorleistung kann auch problematisch sein für:

  • Schaltrampen

  • Schaltwerkfedern

  • Freiläufe

  • Nabenschaltungen

Deshalb integrieren moderne Systeme oft sogenannte „Shift Detection“-Funktionen. Der Motor reduziert beim Schalten kurzfristig die Leistung.

Warum Software heute wichtiger wird als reine Hardware

Der Trend zeigt klar: Die Zukunft moderner E-Bikes wird zunehmend softwaredefiniert.

Per Firmware lassen sich heute verändern:

  • Unterstützungscharakteristik

  • Ansprechverhalten

  • Reichweite

  • Dynamik

  • Drehmomentgrenzen

  • Rekuperationsfunktionen

  • ABS-Systeme

Das eigentliche „Fahrgefühl“ entsteht immer stärker durch Algorithmen.

Bedeutet mehr Drehmoment automatisch besseres Fahren?

Nicht unbedingt. Extrem hohe Drehmomente können auch Nachteile haben:

  • schwieriger dosierbar

  • höherer Reifenverschleiß

  • geringere Reichweite

  • stärkerer Komponentenverschleiß

  • unruhigeres Fahrverhalten

Für viele Fahrerinnen und Fahrer sind harmonische Leistungsentfaltung und feine Dosierung wichtiger als maximale Newtonmeter.

Fazit: Das OTA-Update zeigt, wie digital moderne E-Bikes geworden sind

Dass sich ein E-Bike System per App auf 120 Nm konfigurieren lässt, zeigt eindrucksvoll, wie stark moderne E-Bikes inzwischen softwaregesteuert sind.

Die Hardware besitzt häufig erhebliche Leistungsreserven, die erst durch Firmware freigeschaltet werden. Doch mehr Drehmoment ist nie kostenlos:

  • Wärme steigt

  • Verschleiß nimmt zu

  • Akku und Antriebsstrang werden stärker belastet

Die eigentliche Herausforderung liegt deshalb nicht nur darin, möglichst viel Leistung bereitzustellen - sondern diese dauerhaft kontrollierbar, effizient und zuverlässig nutzbar zu machen.

Genau hier entscheidet heute nicht mehr allein der Motor über die Qualität eines E-Bikes, sondern zunehmend die Software dahinter.

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